Die Sache mit... dem Preis

Die Sache mit... dem Preis

Man sagt, alles hat seinen Preis. Das neue Lieblingstop genau wie diese coolen schwarzen Boots, die du letztens entdeckt hast, das MacBook, von dem du schon so lange träumst ebenso wie der Roadtrip durch Südosteuropa, den du für diesen Sommer endlich geplant hast. Für alles in diesem Leben zahlt man einen Preis, muss man ein Opfer bringen. Es ist eben nichts umsonst – leider. Und so ist es auch mit der Liebe und Beziehungen. Wie jetzt? Einen Preis für die Liebe sollen wir auch noch zahlen? Vielleicht nicht für die Liebe selbst – außer wir suchen ein entsprechendes Etablissement auf, das sich mit käuflicher Liebe beschäftigt.

Denn Liebe sollte ja etwas Unbelastetes und Selbstloses sein. Ja, wenn es die wirkliche, wahre Liebe ist, dann verlangt sie uns kein Opfer ab, fordert keinen Preis von uns, sondern steht uns völlig uneigennützig und bedingungslos zur Verfügung.

Soweit zumindest die Theorie.

Am Anfang einer Beziehung mag das alles auch noch stimmen. Da ist noch alles leicht und schwerelos, wir lieben den anderen mit Haut und Haaren, verlangen nichts von ihm. Und umgekehrt ist es genauso.

Aber mit der Zeit, wenn es ernster wird und wir nach dem Absetzen der rosaroten Brille auch die ein oder andere Hautunreinheit, Geheimratsecke oder Delle am Oberschenkel entdecken und uns die bisher übersehenen (oder verdrängten) Schwächen des Partners wie ein Hammerschlag treffen, ändert sich die Lage. Denn dann ist sie vorbei, die Zeit, in der wir wie in Trance auf Wolke 7 durchs Leben schwebten und alle negativen Eigenschaften des Partners (“Welche negativen Eigenschaften??”) wie durch ein unsichtbares Schutzschild von uns ferngehalten wurden. Ab sofort werden immer wieder Dinge auftauchen, die uns nicht gefallen.

Warum muss er sich jetzt schon wieder mit seinem besten Freund treffen? Er war doch gestern erst im Fitness Studio, wieso verbringt er nicht lieber Zeit mit mir? Kann er nicht mal einen Abend in der Woche nicht mit lernen verbringen? Meine Güte, wenn er sowieso jeden Tag mit seiner Mutter telefoniert, kann er ja auch direkt wieder zu seinen Eltern ziehen! 

Diese oder ähnliche Gedanken hatte wohl jeder von uns schon einmal. Sie kommen ganz plötzlich und unvermittelt und lassen uns genervt zurück. Und ganz schnell fangen wir an,  Strategien zu ersinnen, wie wir unserem Partner diese in unseren Augen schlechten oder zumindest unerwünschten Angewohnheiten schnellstens abgewöhnen. Denn wir möchten unseren Partner so, wie er während der – leider vergangenen – ersten Phase der Verliebtheit für uns war: perfekt. Makellos. Zu erkennen, dass er das nicht ist, dass es auch an ihm Eigenschaften gibt, die uns nicht gefallen, ist erst einmal ernüchternd und holt uns auf den Boden zurück. Und je nachdem, wie sehr uns diese Angewohnheiten nerven, fangen wir sogar auf einmal an, darüber nachzudenken, ob der eben noch so perfekt erscheinende Partner wirklich der Richtige für uns ist. Oder ob wir das Ganze nicht doch lieber wieder beenden sollten. Bevor wir zu tief drin stecken und nicht mehr herauskommen.

Aber bevor wir eine übereilte Entscheidung treffen, die wir später vielleicht bitter bereuen, sollten wir noch einmal nachdenken: Wollten wir nicht immer einen sportlichen Partner mit Bauchmuskeln und definierten Oberarmen? Waren wir nicht in unserer letzten Beziehung genervt davon, dass unser Partner nur auf uns fixiert war und alle anderen sozialen Kontakte völlig vernachlässigte? War es uns nicht immer wichtig, einen Partner zu haben, der Ehrgeiz hat und beruflich weiterkommen möchte? Ist uns nicht selbst unsere Familie und der Kontakt zu unseren Eltern sehr wichtig und haben wir uns dieselbe familiäre Ader nicht auch immer von unserem Partner gewünscht?

Außerdem sollte uns klar sein, dass niemand perfekt ist – auch wir selbst nicht – und mit allergrößter Wahrscheinlichkeit auch dem anderen bestimmte Dinge an uns nicht gefallen. Und das ist völlig normal. Es wird immer Dinge geben, die uns nerven und stören, mit denen wir aber einfach umzugehen lernen müssen, wenn uns unser Partner und die Beziehung mit ihm am Herzen liegen.

Daher sollten wir uns fragen:

Ist die “schlechte Angewohnheit” wirklich so gravierend oder machen wir vielleicht mehr aus ihr, als sie ist? Möchten wir wirklich, dass unser Partner uns zuliebe seine Freundschaften und Hobbys aufgibt, den Kontakt zu seiner Familie einschränkt oder aufhört zu lernen? Und dann irgendwann unzufrieden wird und uns Vorwürfe macht, womöglich sogar die Beziehung beendet, weil er sich unseren Wünschen angepasst und darüber von sich selbst entfremdet hat? Egoismus und die Erwartung, dass der Partner all unsere Wünsche und Anforderungen an eine Beziehung nach unseren Vorstellungen erfüllt, ist Gift für jede Partnerschaft. Daher müssen wir uns leider von der romantischen Vorstellung verabschieden, dass in einer Beziehung immer “alles tutti” sein muss und wir mit dem richtigen Partner an unserer Seite permanent auf Wolke 7 schweben werden. Denn das entspricht einfach nicht der Realität. Das Leben ist nicht so. Die meisten von uns werden in ihrem Leben schon einige Höhen und Tiefen erlebt haben und so ist es eben auch in der Liebe. Perfektion gibt es nicht und vielleicht ist sie auch gar nicht so erstrebenswert. Nur wenn es auch mal schlecht läuft und uns gerade so ziemlich alles am anderen nervt, können wir die guten Zeiten wieder richtig schätzen und genießen. Man muss eben manchmal Geduld und Durchhaltevermögen haben, auch das gehört zum Zusammenleben dazu.

Damit wir diese Geduld wirklich aufbringen können, müssen wir uns darüber klar werden, was wir dafür zu zahlen bereit sind, dass wir jemanden an unserer Seite haben und ob uns der Partner und das Zusammensein mit ihm genug wert sind, dass wir bereit sind, den Preis für bestimmte “Fehler” zu zahlen. Klar sein muss uns außerdem, dass wir den anderen sehr wahrscheinlich nicht großartig werden ändern können. Wir können nur uns selbst und unsere Einstellung zu ihm und zum Leben im Allgemeinen ändern.

Ein Buchtitel, den ich mal gelesen habe und der hier meiner Meinung nach sehr gut passt, lautet “Lieben was ist”.

Wenn wir unseren Partner lieben und uns sicher sind, mit ihm zusammen bleiben zu wollen, hilft es enorm, sich diesen kurzen Imperativ ins Gedächtnis zu rufen. Denn um in unserer Beziehung glücklich zu werden, sollten wir – vor allem auch im Hinblick auf unsere eigene “Unperfektheit” – aufhören, uns über die Schwächen unseres Partners zu ärgern und grämen, sondern sie einfach akzeptieren und eben “lieben was ist”.