Die Sache mit... der Vergangenheit

Die Sache mit... der Vergangenheit

Ja ja, die Sache mit der Vergangenheit… Das ist ja bekanntlich so ‘ne Sache.

Natürlich weiß eigentlich jeder, dass man, um in einer neuen Beziehung wirklich glücklich werden zu können, mit seiner Vergangenheit – sprich vergangenen Beziehungen und vor allem der letzten – abgeschlossen haben sollte. Dass wir nach einer Trennung nicht mehr mit unserem Ex zusammenwohnen, nicht mehr ständig Kontakt – sei es in Form von Anrufen oder Nachrichten – haben und uns auch nicht mehr unbedingt mit ihm treffen sollten, wenn wir vorhaben, irgendwann bereit für etwas Neues zu sein, versteht sich von selbst. Was natürlich schwierig wird, wenn gemeinsame Kinder im Spiel sind…

Aber so kompliziert muss die Lage gar nicht sein, um uns das Projekt “Verarbeiten” zu erschweren. Denn es heißt ja bekanntermaßen (auch wieder etwas, was die Ladies unter uns von „Sex and the City“-Charlotte gelernt haben), dass wir halb so lange für die Trauerarbeit brauchen wie die Beziehung gedauert hat. Puh. Das können dann unter Umständen ein paar einsame Jahre werden. Natürlich müssen wir nicht auf die Uhr schauen, um zu wissen, wann wir wieder eine Beziehung eingehen können. Wir müssen auch nicht jahrelang als Eremit durchs Leben gehen. Aber eine gewisse Zeit sollten wir schon ins Land gehen lassen, bevor wir uns in ein neues Liebesabenteuer stürzen. Denn nur dann können wir uns auch wirklich ohne Wenn und Aber auf den neuen Partner einlassen.

Trotzdem ist da immer wieder die Versuchung, uns einfach schnell „etwas Neues“ zu suchen, um uns von Trauer und Trennungsschmerz abzulenken. Und das ist nur zu verständlich, denn eine Trennung ist – vor allem  natürlich für den Verlassenen, aber auch für den, der sich trennt – eine Ausnahmesituation und eine enorme Belastung für die Psyche. Darauf möchten wir nur zu gern verzichten. Also schnell den nächsten beziehungswilligen Kandidaten geschnappt und weiter geht’s. Das kann funktionieren. Aber für wie lange? Die Gefahr, dass wir früher oder später doch von der Vergangenheit eingeholt werden, ist groß.

Viel besser wäre es, wenn wir erst einmal zur Ruhe kommen, versuchen, das Geschehene zu verarbeiten (wenn nötig auch mithilfe einer Therapie) und uns Zeit für uns nehmen. Für Freundschaften, die vielleicht in den letzten Jahren zu kurz gekommen sind und für Hobbys, die wir aus den Augen verloren haben. Oder die wir jetzt, wo wir uns mehr auf uns besinnen, erst neu entdecken. Ein bisschen Ablenkung (wofür gibt es Tinder?) kann natürlich auch nicht schaden. Irgendwann werden wir dann – unglaublich! – merken, dass wir so, wie es gerade ist, wirklich glücklich sind und – wer hätte das gedacht?! – gar keine Lust (und Zeit) auf/für einen neuen Partner haben. Weil es uns gerade einfach super geht, wir uns frei und unabhängig fühlen und niemanden an unserer Seite brauchen. Dieses Gefühl sollten wir unbedingt genießen, denn es ist absolut wichtig für die persönliche Entwicklung und das Selbstwertgefühl und jeder sollte einmal in dem Zustand gewesen sein, wo er einfach nur mit sich selbst zufrieden ist. Zu wissen, dass man keinen Partner braucht, um glücklich zu sein, ist ein tolles Gefühl.

Aber genau dann, wenn wir es am wenigsten erwarten oder ersehnen, passiert es wieder. Peng, verliebt. Erst einmal wissen wir gar nicht, ob wir uns darüber freuen sollen, ging es uns doch so gut mit uns selbst. Sollen wir das alles wirklich wieder aufgeben für jemanden, mit dem es dann vielleicht wieder nicht funktioniert? Am Ende wird – wie immer – das Herz gewinnen. Und das ist ja auch gut so, denn wer möchte schon ein durch und durch rationaler Kopfmensch sein? Also stürzen wir uns auf ein Neues hinein in das Abenteuer Liebe.

Und auch wenn wir ja nun wirklich alles richtig gemacht und genug Zeit haben verstreichen lassen, werden wir trotzdem in unserer neuen Beziehung immer wieder einmal in Situationen kommen, die uns an Erlebnisse mit unserem Ex-Partner erinnern und uns mir nichts, dir nichts in die Vergangenheit katapultieren. Und dann ist sie ganz plötzlich da, diese Melancholie und Traurigkeit und das Gefühl, genau jetzt am liebsten ganz woanders sein zu wollen. In einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, mit einem anderen Menschen. Und weil das nun mal nicht möglich ist, solange es noch keine Zeitmaschinen gibt, möchten wir uns zumindest unter eine Decke verkriechen, “unser Lied” laufen lassen und hemmungslos losheulen. Uns in unsere Trauer hineinfallen lassen. Danach wird es uns wieder besser gehen, denken wir. Oft stimmt das auch. Manchmal brauchen wir einfach eine kurze Auszeit und einen kleinen Weinkrampf. Das befreit.

Wenn die Situation es erlaubt, spricht ja auch nichts dagegen. Wenn wir allerdings gerade mit unserer neuen Liebe im Bett liegen oder es einfach keine Möglichkeit gibt, uns mal für eine Weile zurückzuziehen, sollten wir lieber versuchen, uns zusammen zu reißen. Und auch wenn wir vielleicht gerade eine ernüchternde Situation mit dem neuen Partner erleben, sollten wir uns auf keinen Fall zu einem Kommentar hinreißen lassen wie “Mit xy hat das immer viel besser funktioniert” oder “xy hat das immer so und so gemacht”. Denn das wird uns im Nachhinein mit Sicherheit leid tun, kann aber dann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Gesagt ist nun mal leider gesagt. Und da so etwas sehr verletzend ist, bleibt es bei unserem Partner garantiert hängen. Was nie gut ist. Weil der Partner verinnerlichen könnte, dass er uns sowieso nicht zufriedenstellen kann und uns nie so glücklich wird machen können wie es unser Ex-Partner – zumindest in seiner Vorstellung – konnte. Oder schlimmer noch, dass wir noch an unserem Ex hängen und uns insgeheim wünschen, wieder mit ihm zusammen zu kommen. Er also nur der „Trostpreis“ oder eine Art „Übergangslösung“ ist. Und so kann ein kleiner, unüberlegter Kommentar eine ganze Lawine lostreten und vielleicht sogar zur Trennung führen.

Daher ist es so wichtig, die Geister der Vergangenheit zu begraben. Damit sie nicht wie ein Damoklesschwert über der neuen Beziehung hängen und sie vergiften. Was natürlich nicht bedeutet, seine Vergangenheit zu vergessen oder gar zu verleugnen und vor unserer neuen Liebe zu verheimlichen. Ganz sicher haben wir mit unserem/n letzten Partner(n) auch schöne Zeiten erlebt und in einer Beziehung entwickelt man sich selbst immer auch weiter und lernt dazu. Daher sollten wir die guten Seiten und das Positive an vergangenen Beziehungen schätzen lernen und in die neue Beziehung mitnehmen, statt nur mit Verbitterung an die Vergangenheit zu denken. Und auch die vermeintlich „schlechten Zeiten“, die wir mit unserem Ex-Partner erlebt haben, hatten ihr Gutes. Schließlich können wir aus ihnen lernen und Fehler, die wir vielleicht gemacht haben, in Zukunft vermeiden. Das alles kann uns in unserer neuen Beziehung nur weiterbringen.

Was wir tunlichst vermeiden sollten, ist, permanent Vergleiche zu ziehen und unseren neuen Partner zu bewerten. Denn das zieht uns selbst herunter und überträgt sich auch auf die Beziehung und die Chemie zwischen uns und unserer neuen Liebe. Jeder Mensch hat seine Stärken und Schwächen, seine Besonderheiten und Eigenarten. Daher sollten wir versuchen, die positiven Seiten des Anderen hervorzuheben und immer die besten Absichten hinter seinen Handlungen vermuten.

Um es auf den Punkt zu bringen: im Hier und Jetzt zu leben und uns voll und ganz auf den anderen einzulassen, ohne ihn ständig mit vergangenen Partnern zu vergleichen, ist der Schlüssel zum Glück. Und auch hier passt wieder der Buchtitel, den ich bereits bei “Die Sache mit dem Preis” erwähnt habe: Wir sollten ganz einfach „Lieben, was ist“ und nicht, was einmal war.